Berlin Series pt.1

11. August 2013

15:33.

20km Stau auf der A24.

Baba dreht die Anlage voll auf.

Endlich kann er auf die Frequenz von Metropol FM schalten - die Gelegenheit im deutschen Radio viel zu melancholische alte türkische Lieder zu hören, musste er selbstverständlich wahrnehmen.

Mama weint auf dem Rücksitz.

Nein! Nicht aufgrund der Songs, sondern…

Ihr Sohn verlässt das Haus.

Endlich werde ich Profi!

Doch wurde mir schnell bewusst, dass alles erstmal ganz anders wird als erwartet.


Berlin


Frisch volljährig geworden stand ich nun da.

Zwischen der Gedenkstätte Berliner Mauer und dem Mauerpark.

Mitten im Hipsterviertel - Prenzlauer Berg/Mitte.

Den Schlüssel für meine erste eigene Wohnung in den Händen.

Rückblickend unvorstellbar.

Bis dato hatte noch nicht ein Mal selbst für mich gekocht; geschweige denn jemals was im Haushalt gemacht.

Mama.

Erwachsen und selbständig wie ich mich damals hielt, sagt mein 18 jähriges Ich zu meinen Eltern:

“Ihr braucht mich erstmals für paar Wochen nicht besuchen. Ich will das Alleinsein genießen. Ich kriege das alles schon hin.”

Die Rechnung bekam ich noch teuer zu spüren.



Berlin kannte ich nur als verhasstes Auswärtsspiel aus der JBBL und NBBL.

Nun soll ich das gelb-blaue Trikot anhaben und dies hier mein Zuhause nennen?!

Anfangs war der Gedanke seltsam, aber genau auf diesen Moment habe ich meine ganze Jugend hingearbeitet und ich freute mich unfassbar, dass es bald losgeht.


(vorne links, #8)



Als das Talent Hamburgs, Kapitän der Jugendnationalmannschaft und mit einigen persönlichen Auszeichnung in der Tasche, war ich fest davon überzeugt ein guter Basketballer zu sein.

Mir war bewusst, dass der Sprung von der Pro B in die BBL kein leichter sein wird. Außerdem war ALBA zu meiner Zeit nicht gerade dafür bekannt Jugendspielern viel Spielzeit zu geben. Höchstmotiviert und leicht naiv wie ich damals war, ging ich dennoch mit einer Überzeugung und einem Willen in mein erstes professionelles Jahr, dass meine Karriere weiterhin so steil aufwärts verlaufen wird, wie zuvor.

Cliff Hammonds- der Verteidiger des Jahres- und Sasa Obradovic haben mir ganz schnell klargemacht, dass es nicht so sein wird!





14.August 2013



Ich wusste nicht wirklich was zu erwarten ist, aber ich freute mich unfassbar, dass es endlich losgeht.

Keine Schule mehr!

Nur noch Training!

Mein Traum den ich als Achtjähriger hatte und wofür ich meine komplette Jugend hingearbeitet hab, ist nun endlich wahr geworden…

Ich bin Profi-Basketballer!


9:45

Treffpunkt am Jahnsportpark.

Der Auftakt in die Saisonvorbereitung soll mit einer leichten Lauf- und Krafteinheit starten.

Mit einer Pulsuhr und strikten Angaben ausgestattet geht es los.

Ich tat alles dafür ganz vorne mitzulaufen, aber solch eine Intensität und Tempo war ich nicht gewöhnt.

Übereifrig rase ich durch jede Übung mit 110%- gerade mal ausreichend, um mit den anderen mitzuhalten.

Der prüfende Blick vom Coach belastet mich mit mindestens weiteren 10 Kg.

Ich kann nicht mehr!

Doch lasse ich mir nichts anmerken.

Gut… ich habe probiert mir nichts anmerken zu lassen, denn ich möchte ihm und jeden anderen tagtäglich beweisen, dass ich bereit bin auf solch einem Niveau zu performen.

Duci “the killer”, wie wir unseren Athletiktrainer passend getauft haben, pfeift endlich ab.

Stretching.

Die erste Hälfte der ERSTEN Trainingseinheit ist geschafft.

Im Trainingszentrum soll es nun mit im Kraftraum weitergehen!?

Mein zarter Bizeps konnte nur davon träumen solche Gewichte zu bewegen, wie es die anderen taten.

Leichter Start mein Ar@%h.

12:30.

(Fix und) Fertig.

Zuhause angekommen wartete keine warme Mahlzeit auf mich, das Bett war nicht gemacht und die Wäsche blieb weiterhin dreckig.

Wenigstens musste ich mir keine Gedanken machen was ich zu essen machen soll bzw. kann - Nudeln mit Tomatensauce.

Zwei Stunden Mittagsschlaf waren mehr als notwendig.


Schlaftrunken und mit einem Muskelkater ausgestattet hüpfte ich unter die eiskalte Dusche.

“Lets go Izi!”

“Sei ready”

“Komm schon”


Mithilfe von Selbstgesprächen und dem Schock des Wassers, versuchte ich mich mental und

körperlich auf die zweite Einheit vorzubereiten.

Ich war so aufgeregt, dass ich in der Bahn keine Sekunde sitzen konnte.

Jeder Fremde wurde zum imaginären Gegenspieler.

Durch die Beine.

Hinterm Rücken.

Eurostep vorbei.

Links.

Rechts.

Der Bahnfahrer wurde zum Stadionsprächer.

“Zurückbleiben bitte”

Das Piepen der schließenden Türen wurde die Shotclock.

Piep. Piep. Piep.

Und Wurf…

Bucket!

So muss es nur noch nachher im Training laufen.


Anderthalb Stunden vorher war ich am Trainingszentrum.

Viel zu groß war die Angst vor dem Zuspätkommen.


Endlich geht es los.

Die anstrengende Einheit am Morgen haben wir hinter uns und nun folgt der spaßige Teil, dachte ich mir

Von wegen!

Geschockt vom Tempo und der Physis gelang es mir nie frei zu werden, jeder Korbleger wurde geblockt und jemanden vor mir zu halten im 1 gegen 1 war unmöglich.

Ich war glücklich, wenn ich es geschafft habe den Ball über die Mittellinie zu bringen.

Keiner meiner Mitspieler sagte je was negatives zu mir, doch die Blicke und Reaktionen, als sie erfuhren, dass sie mit mir in einer Mannschaft seien, sagten mehr als genug.

Meinem Gegenspieler gab Sasa Obradovic keine Chance für Mitleid oder Entspannung.

Lauthals schrie er:

“KILL HIM!”

Einem Soldaten wie Cliff Hammonds musst du das nicht zwei mal sagen.

Bevor ich überhaupt realisiert habe was gesagt wurde, stürmten 100 Kg pure Muskelmasse auf mich zu, ich am Boden, Sasas roter Kopf über mir.

“Pic** ti mat***na!”

In 3 Jahren unter Obradovic habe ich eine Menge gelernt- dazu kann ich auch das Fluchen auf serbisch zählen.


Was mich jedoch trotz aller persönlichen Beleidigungen am meisten getroffen hat war wie enttäuscht er


“Ajde…sit down. You disturb my practice.”

gesagt hat.

Die Rückfahrt nach Hause sah ganz anders aus.

Mit blauen Flecken und einem zerstörten Selbstbewusstsein saß ich am hinteren Ende des Wagons.

Den Kopf ans Fenster gelehnt und mit Tränen in den Augen.

Das ist also das Leben von dem ich geträumt habe?!


Trotz der Müdigkeit konnte ich Nachts kein Auge zu kriegen - wie gesagt: Zu groß ist die Angst vor dem Zuspätkommen.

So ging das über mehrere Tage.

Bis der Moment kam, welcher das Faß zum überlaufen brachte.

Wie so oft war es ein Tag mit zwei Einheiten.

Dazwischen blieb mir aber keine Zeit für den absolut notwendigen Mittagsschlaf.

Ich hatte ein Interview mit einer Zeitung und darauf folgte ein Besuch in einer Grundschule.

Hektisch musste ich mein Mittagessen To-Go zu mir nehmen.

Zuhause angekommen hatte ich nur Zeit meine Tasche zu packen.

Ich realisiert, dass ich keine sauberen Sachen zum anziehen mehr habe.

Als ob die Angst vor dem Coach nicht schon reichen würde, sah ich es schon vor mir:

“Wer stinkt hier so ?!”

“Ohhhh Mann. Nasty A**!”

Überfordert und gestresst wie ich war griff ich zum Schlüssel; instinktiv hielt ich paar Sekunden inne.

Zig Gedanken schoßen mir durch den Kopf und…

Ich brach emotional komplett zusammen.

Weinend saß ich da nun auf dem Boden, angelehnt an die Haustür, schluchzend.

Ich griff zum Telefon.

“Mama. Wo bist du?…”



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